Peggy, da!

Blöder Kalauer, ja, aber was da gegenwärtig durch Dresdens und die Straßen anderer deutscher Städte schlurft und sich “Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands” nennt, kürzt sich nun mal PEGIDA ab. Könnte freilich auch der Name eines Medikaments sein, wie TAMIFLU oder CONTERGAN.

Ist es aber nicht. Auch die Risiken und Nebenwirkungen sind noch ziemlich unbekannt, trotzdem halten viele PEGIDA für ein Heilmittel. Nein, Kinder, es ist ein Krankheitssymptom.

Urlaubsfotoblues

Farben

Da besitze ich diese teure Digitale und viele edle Objektive dazu.
Da besitze ich diesen teuren Computer.
Da west im Keller und auf dem Dachboden diese komplette Dunkelkammer.
Da stehen diese tollen Kleinbild- und Mittelformatkameras in der Vitrine.
Da hängt kein Bild von mir in meinem Zimmer.

Oh Mann.

Religion ist privat!

Vor einiger Zeit in “meiner” Bibliothek: Ein junger Mann tritt ein und fragt, wo er den Gebetsraum findet. Wir haben keinen Gebetsraum. Er beharrt darauf, dass es in der Bibliothek einen gibt. Ich bestehe darauf, dass nicht. Er verlässt die Bibliothek äußerst verärgert. Am nächsten Tag erfahre ich von einer Kollegin, dass sich seit einiger Zeit muslimische Männer zum gemeinsamen Beten im Treppenhaus treffen. Was ich bis dahin tatsächlich nicht wusste.

Zwei Dinge: zum Einen wollte ich den jungen Mann weder irreführen noch beleidigen. Zum Andern war ich fast froh, dass mir das mit dem zum Gebetsraum umfunktionierten Treppenabgang tatsächlich nicht bekannt war. Denn das bringt mich jetzt in einen Konflikt zwischen diesem Wissen und meiner Überzeugung, dass Religionsausübung (gleich welcher Religion) nicht in einen säkularen Raum gehört.

Ich habe diesen inneren Konflikt bis heute nicht gelöst. Zur Zeit behelfe ich mir, indem ich gewissermaßen die Augen schließe, dh. solche Zusammenkünfte ignoriere. Das ist nicht zufriedenstellend, und so verursacht mir dieser Behelf auch ein gewisses Unbehagen.

Ist meine Haltung fehlender Respekt vor der Religion?

I.
In einer Kirche ziehe ich den Hut ab, in einer Synagoge die Kippa auf, in einer Moschee die Schuhe aus. In keinem der drei Gotteshäuser renne ich umher, blitze beim Fotografieren, rede oder lache laut. Ich besuche alle diese Gotteshäuser voll Interesse und Respekt – und außerhalb der Gottesdienstzeiten. Was ich im Gegenzug erwarte ist, dass mir als Nichtgläubigem (man ist ja immer in viel mehr Religionen Nichtgläubiger als Gläubiger) ebenfalls Respekt gezollt wird. Dazu gehört, dass öffentliche Gebäude nicht ohne Absprache mit dem Eigentümer zu religiösen Zusammenkünften genutzt werden. Das hat keineswegs mit Feindseligkeit einer Religion gegenüber zu tun. Sondern mit getrennten Sphären und damit, dass nur diese Trennung uns vor vorreformatorischen Zuständen bewahrt.

Glaubt mir, liebe Gläubige: ich werde mich jederzeit dafür einsetzen, dass Ihr Eure Religionen ausüben dürft, in Euren Kirchen, Moscheen, Synagogen, Tempeln. Aber kein Mensch hat das Recht, seine Religion über eine andere zu stellen. (Auch dann nicht, wenn sie es verlangt!) Und jeder Mensch hat das Recht, ohne Religion zu leben. Es ist ein sehr wertvolles Recht, das zu erkämpfen viele Menschen vieles erleiden mussten. Ich möchte es nicht wieder hergeben. Und Ihr, liebe Gläubige jedweder Religion, Ihr ebenso wenig, wenn Ihr einen Moment darüber nachdenkt, denn es schützt Euch vor den Eiferern anderer Religionen. Das heißt: öffentliche Orte, also auch Bibliotheken, sind keine Plätze für religiöse Rituale. (Jaja, der Religionsunterricht… warum das etwas anderes ist, und warum ich das eigentlich auch nicht für richtig halte, würde definitiv zu weit führen.)

Wie lang ist das mit der Reformation her? Vierhundertfünfzig Jahre? In etwa einem halben Jahrtausend haben wir in Europa gelernt, dass man Gott auf mehr als eine Art verherrlichen kann. Oder es ganz sein lassen. Und immer wenn wir das vergessen haben, haben wir blutig bezahlt dafür.

Anders gesagt: in Europa hat sich sehr langsam, und immer noch unvollständig, etwas wie ein kulturelles Wissen darüber gebildet, dass Religion Privatsache sein sollte.

Okay, das mit dem Antisemitismus. Hässlich. Nein: Schlimm. Nein: mit das Schlimmste, wenn nicht das Schlimmste überhaupt, das in Europa (tut mir leid, liebe Landsleute: vor allem in Deutschland) je entstanden ist. Und, sehr verwunderlich, er ist immer noch virulent. Was meinem Gedanken, in Europa (wenigstens hier…) sei Religion privat, scheinbar widerspricht. Nur scheinbar, denn dieser Judenhass ist ja gar nicht religiös begründet… er ist Aggressionsbedürfnis, das eine kollektive Form gesucht hat und gefunden.

Trotzdem: derzeit machen die Europäer im Wesentlichen andere Fehler als religiöse. Das heißt, sie begründen ihre Fehler nicht mehr mit Religion. Wir haben uns hier im Wesentlichen darauf geeinigt, dass Religion Privatsache ist. Und das ist ein gigantischer Fortschritt. Es gibt Ausnahmen: das Konkordat der kath. Kirche mit der Bundesrepublik, die entsprechenden Staatsverträge anderer Kirchen und religiöser Gemeinschaften.

Aber ob Sie einen einzigen Gott anbeten und welchen, ob Sie vielleicht an mehrere glauben oder an gar keinen: geht den Staat nur in Bezug auf Ihre Kirchensteuer etwas an, und die Gesellschaft gar nichts. Ich darf glauben, dazu geweihte Männer verwandelten Wein in das Blut eines vor ca. 2000 Jahren von italienischen Besatzungstruppen hingerichteten Palestinensers jüdischer Herkunft. Ich darf glauben, dass mein Tod nicht mein Ende ist. Ich darf mich auch zu dem Glauben bekennen, dass der wichtigste Prophet Gottes Mohammed heißt. Oder jenem, dass der Messias noch gar nicht da war und alles gut wird, wenn er erst mal kommt.

Ich bin aber auch frei, das alles nicht zu glauben. Und darüber vielleicht sogar traurig zu sein…

II.
Aber Glaube oder nicht, diese Glaubenssysteme haben auch etwas Erstaunliches erschaffen: Moral. Moral ist doch gut, oder? Na ja. Problematisch wird’s hierzulande spätestens, wo das, was die jeweilige religiöse Moral fordert, in Widerspruch zu jenen Regeln gerät, die von unserer Gesellschaft aufgestellt werden. Dann ist abzuwägen, ob der/die Gläubige mit seinem religiös motivierten Verhalten andere unzumutbar belästigt, oder ob die freie Gesellschaft bestimmte religiös motivierte Verhaltensweisen im Namen eben dieser Freiheit hinnehmen muss. Das klingt so abstrakt? Ja.

Das übliche Beispiel aus den Talkshows ist die Frau, sei sie Muslimin oder christliche Ordensschwester, die in der Öffentlichkeit ein Kopftuch tragen will. Ich persönlich halte das Recht eines Menschen, sich zu kleiden wie er möchte, für wichtiger als die in den Massenmedien diskutierten Vorbehalte gegen Kopftücher. Aber wenn eine Frau eine Burka trägt, habe ich doch ein Problem. Ich empfinde es als unmenschlich, sich so zu vermummen. Die Person dahinter ist in der Öffentlichkeit unsichtbar. Mir scheint darin eine Art der Auslöschung dieses Menschen zu liegen.

Aber vielleicht muss ich das hinnehmen, weil das Recht der Person, sich in der Öffentlichkeit vermummt zu bewegen, höher zu bewerten ist, als meine Beklemmung? Ich weiß es nicht. Ein paar Dinge müssen wir ertragen, als Teil der Freiheit, etwas ungeregelt, also frei zu belassen.

Doch darf es keine Frage der Religion sein, ob und wie die Gesellschaft solche Dinge regelt. Es ist nun einmal so, dass wir alle, mit den unterschiedlichsten moralischen und religiösen Vorstellungen, denselben Öffentlichen Raum teilen. Also benötigen wir eine Methode, die Dinge ohne religiöse Begründungen zu regeln, damit sie für alle verbindlich werden. Etwas, das alle ungeachtet religiöser Unterschiede gleich behandelt, das alle gleichermaßen verpflichtet und schützt.

Das Recht. Das Gesetz. Und wenn das Gesetz schlecht ist, ungerecht, falsch? Dann muss es geändert, verbessert oder gestrichen werden. Dabei religiöse Begründungen anzuführen ist nicht statthaft. Für sich selbst kann und darf jeder Mensch religiös motivierte Entscheidungen treffen. Die Öffentlichkeit muss ein religionsfreier Raum sein. Und werden, wo sie es noch nicht ist.

Gläubige aller Religionen, übt Euren Glauben aus; nehmt ihn ernst (sonst solltet Ihr es eh lassen, alle Götter speien die Lauen aus ihrem Munde, nicht nur der christliche). Wenn Euer Gott aber Dinge verlangt, die gegen das Gesetz verstoßen, folgt ihm nicht und unterlasst sie. Unterlasst sie vielleicht bereits, wenn sie anstößig auf andere wirken könnten, die nicht Eures Glaubens sind. Gebt der Zivilgesellschaft, was der Zivilgesellschaft ist, dann gibt sie Euch, hoffentlich, zurück: Schutz und Freiheit. Habt keine Angst, Eure Götter würden Euch dafür strafen. Wenn, dann würden sie uns andere strafen, oder nicht?

Übrigens: Eurer Hilfe bedürften sie dazu gewiss nicht. Es sei denn, sie existierten nur in Eurer Vorstellung.

Suff?

Wwweinglas

Wenn mir das Recht auf Alkohol genommen würde, naja, ich wär schon traurig. Abgesehen davon, dass mir mancher Wein einfach unheimlich gut schmeckt (trockener Rauenthaler Steinmächer, gekühlt auf 11°C zum Beispiel) und manche Gespräche in unserer von Nüchternheit besoffenen Zeit nüchtern nicht möglich sind: es gibt ein Recht, berauscht zu sein.

Eine zivile Gesellschaft muss es dem Einzelnen erlauben, im Vertrauen, dass dies nicht ausgenutzt wird, seine Selbstkontrolle zeitweilig und teilweise zu lockern.

Was nicht heißt, dass die Gesellschaft jeglichen Kontrollverlust einfach hinnehmen muss: Wer angetrunken Auto fährt, hat nicht erst ein Problem, wenn er einen Unfall baut, sondern bereits, wenn sein Zustand der Polizei auffällt. Und Führerschein-Inhaber bekommen ihn auch abgenommen, wenn sie betrunken Fahrrad fahren.

Und das halte ich für richtig. Die Gesellschaft muss nicht nur den Betrunkenen schützen, sondern auch die anderen vor dem Betrunkenen.

Was ist mit anderen Räuschen? In den europäisch geprägten Weltgegenden ist eigentlich nur der Alkoholrausch erlaubt. Ich glaube nicht, dass Alkohol weniger schädlich ist als Haschisch oder Opium oder Qat. Ich glaube, wir als Gesellschaft haben den Konsum von Alkohol über viele Jahrhunderte in Bahnen gelegt, innerhalb derer er akzeptiert wird – und diese Bahnen verlaufen entlang der Gesundheit des Konsumenten auf der einen Seite und der Sicherheit vor dem Konsumenten auf der anderen: Mal einen trinken ist okay (abhängig von Gegend, Geschlecht, Anlass) – “Alkoholismus”, als Krankheit wahrgenommen, wird öffentlich geächtet.

Rheingau, gesehen von Rheinhessen
Weinbau-Landschaft

Seit Jahrzehnten wird versucht, andere Drogen gesellschaftlich zu etablieren: Cannabis-Produkte vor allem, früher einmal stärker auch gewisse Opiate. Koks gilt in “bestimmten Kreisen” als okay. Heroin ist böse, und die sich darauf einlassen, werden aggressiver geächtet als die Alkis.

Aber darüber und über die unzähligen Modedrogen à la Crystal Meth, die sich sonst so im Umlauf (vor allem der Feuilletons?) befinden, weiß ich nichts. Ich bin kein Fachmann in Sachen Drogen. Ich trinke gerne Alkohol. Ein- bis dreimal die Woche. Und ich habe das Glück, dass ich (meistens) nach dem ersten Glas Wein die Lust verliere. Und wenn nicht, spätestens nach dem dritten nicht mehr kann.

maxs1936Manche mögen mich mit diesem Konsum bereits für einen rettungslosen Alkoholiker halten: “Wann warst Du das letzte Mal einen ganzen Monat trocken? Weißt Du nicht mehr?! Oh, Mann, siehst Du nicht, wie abhängig Du bereits bist!?!”

Ihr Lieben: dann bin ich von Spaghetti abhängiger als von Alkohol, denn die konsumiere ich häufiger.

Warum hier nichts zu “Israel” steht (September 2014)

1. Weil ich es für Anmaßung halte, Israel etwas vorzuschreiben.
2. Weil ich es für Anmaßung halte, den Palestinensern in Gaza und der Westbank etwas vorzuschreiben.
3. Weil es im momentanen hysterischen Klima beinahe unmöglich ist, noch etwas Sinnvolles zu “Israel” zu äußern.
4. Weil die unterschiedlichen Ansichten zu “Israel” sogar die engsten Freundschaften gefährden, ohne dass es der gequälten Region den Frieden einen Deut näher brächte.
5. Weil ich das sehr starke Gefühl habe, dass zu diesem Thema lauter Menschen glauben, den Mund aufmachen und Aufmerksamkeit beanspruchen zu dürfen, die nicht mal sagen könnten, wie ihr Außenminister heißt.
6. Weil ich nicht zu diesen Menschen gehören möchte.

Deshalb steht hier nichts zu “Israel”.
Ich sage nichts über “Israel”, wenn ich hier anmerke, dass Individuen, die Israel Völkermord vorwerfen und die Israelis mit den Deutschen während der Nazizeit vergleichen, eigentlich vor Gericht gehören. Denn das entspricht einer Verharmlosung des Völkermordes, die strafrechtliche Konsequenzen fordert. Davon bin ich fest überzeugt. Darüber hinaus: Kriege als Genozid zu bezeichnen heißt auch wenn man entsetzt und empört ist, weder vor den Opfern von Völkermorden noch vor denen des Krieges Respekt zu wahren: sind Kriegstote weniger zu betrauern als Opfer eines Genozids? Ein Völkermord ist nicht “Krieg” – er ist Mord an einer ganzen ethnischen, religiösen, kulturellen Gruppe. Diese Unterschiede zu verwischen, nützt weder den Opfern des einen noch des anderen. Aber es verharmlost den Genozid auf unerträgliche Weise.

Und es führt zu der Frage, warum diese Verharmlosung?

Wenn – und wieder äußere ich mich nicht im Geringsten zu “Israel” – Deutsche derlei von sich geben, regt sich bei mir immer der Verdacht, a) sie wollen die Verbrechen ihrer Vorfahren damit nachträglich rechtfertigen, oder b) sie bedauern insgeheim, dass der tatsächliche Völkermord, den ihre Vorfahren verübt haben, nicht zur Gänze erfolgreich war.

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Oh, und dann gibt es natürlich auch noch die, die es einfach genießen, moralische Entrüstung im Kollektiv zu empfinden. Ist doch fast so schön wie im Kino heulen können! Dafür geht man auch schonmal mit Volksverhetzern auf die Straße.

So. Kein Wort zu Israel. Wie versprochen.

P.S. Dass Krieg böse ist und jeder Tote einer zuviel, ist einerseits entsetzlich richtig, andererseits so oft geäußert worden, dass ich geneigt bin, das zwanghafte Wiederholen dieser unbestreitbaren Wahrheit nicht mehr mitzumachen. Wer’s bis jetzt nicht kapiert hat, kapiert’s auch nicht mehr, wenn wir anderen es uns auf die Stirn tätowieren.

Die menschenleere Bibliothek

Bibliothek

Ich verdiene mein Geld in einer Bibliothek. Lieben Sie Ihren, liebt Ihr Euren Arbeitsplatz? Nun, in gewisser Weise… ich schon.

Es ist eine große Bibliothek, mit etwa 1000 Sitzplätzen, sagt mein Chef. Und sie ist bis spät abends offen, bis 22.00 Uhr.

Doch ich habe nur wenig mit der Literatur dort zu tun, mehr mit den Menschen, die sie nutzen, denn die müssen alle an mir vorbei, wenn sie hinein- oder hinausgehen. Es bleibt nicht aus, dass seltsame Dinge geschehen, eigenartige Dialoge geführt werden: “Entschuldigung – Orangensaft ist in dieser Bibliothek verboten!” – “Aber der ist ökologisch angebaut!”. Oder jemand geht hinaus, die Buch-Sicherungsanlage schlägt an, aber der Mensch rennt weiter: “Entschuldigung – was ist da drin?” – “Das hab ich doch heut morgen schon Ihrer Kollegin gezeigt!”

Ich bin im Spätdienst. Wenn abends die letzten gegangen sind, mache ich den abschließenden Rundgang durch die gesamte Bibliothek.

Dann, und nur dann, erlebe auch ich die Bibliothek. Von der bekomme ich im Eingangsbereich nämlich gar nicht viel mit. Doch ich erlebe sie nicht so wie unsere Nutzer oder meine Kolleginnen während der Öffnungszeit. Ich erlebe dieses große, licht und offen strukturierte Gebäude mit einer Grundfläche von gut 100 x 40 Metern auf drei Ebenen ganz ohne andere Menschen. Und dann herrscht in diesem ja für den gleichzeitigen Aufenthalt vieler Benutzer konzipierten Raum eine eigenartige Atmosphäre, auch wenn ich sie nach neun Jahren nicht mehr so intensiv wahrnehme wie in der ersten Zeit.

Vor ein paar Monaten wollte ich den Versuch machen, sie einzufangen. Also fragte ich meinen Chef, ob ich nach der Arbeit in der Bibliothek fotografieren dürfe und er hat es erlaubt. Vielen Dank.

Falls auf den Bildern etwas von der eigentümlichen Stimmung zu erkennen ist, die in ‘meiner’ Bibliothek herrscht, wenn alle fort sind, dann freut mich das. Und sollte sich zufällig eine Kollegin oder ein Nutzer der Bibliothek auf diese Seiten hier verirren: Hallo und willkommen. Erkennt Ihr Eure, erkennen Sie Ihre Arbeitsstätte?

Bibliothek

Die wollen doch nur Ruhe überm Dach

Endlich sind wir umgezogen. Nette Nebenstraße, verkehrsberuhigt. Reihenhaus, kleiner, hübscher Garten, Terrasse mit Mittagssonne… schön. Die Nachbarn solide, ruhig und liebenswürdig. Ja, man fühlt sich hier wohl.

Aber. Der. Fluglärm.

Mit welchem gottverdammten Recht wird einem von morgens 10 vor fünf bis 20 nach elf nachts so ein bösartig an- und abschwellendes Dauerheulen zugemutet? Mit minütlichen Lautstärke-Spitzen um 70 Dezibel? Wie – ich soll mich nicht so aufregen, anderen geht’s schlimmer?

Ja liebe Mörfeldener. Ihr könnt über unsere Lärmbelastung links vom Rhein vermutlich nur lachen. Aber seien wir doch mal ehrlich: Ihr Mörfeldener, Ihr Walldorfer, Ihr Rüsselsheimer, Ihr wurdet doch schon vor über 30 Jahren verraten & verkauft.

Ich weiß das, denn ich war (ziemlich) von Anfang an bis zum Ende der Startbahn-West- Auseinandersetzungen in der Gegend. Mein Gott, das war in den 80ern. Wie goldig… nicht mal halb so viele Flugbewegungen wie heute…

Und schon damals eine Hölle.

Ihr wurdet vor langer Zeit verkauft. An wen? Nicht zuletzt an uns, Eure Kollegen, Freunde und Nachbarn, die für eine Woche nach Mallorca fliegen, für ein Wochenende nach London, für 199.-Euro Halbpension nach Antalya. Ja, da steckt noch mehr Aufreg-Potential drin, denn wer verdient daran eigentlich noch so viel, dass er seinen Kindern mal ein Eis spendieren kann? Aber hier soll’s um Fluglärm gehen, nicht um Ausbeutung.

Nun, Ihr Mörfeldener, Walldorfer, Kelsterbacher, Rüsselsheimer… wir Nachbarn, Freunde und Kollegen werden langsam ein bisschen nervös. Weil: seit die Nordwest-Bahn eröffnet wurde, sind auch viele Mainzer betroffen, viele Menschen in Rheinhessen. Sie kapieren noch nicht, dass das noch immer nicht alles ist, dass die Fraport in vier Jahren nochmal doppelt so viele Flugzeuge starten und landen lassen will. Und wir links des Rheins dann dank Terminal III (ist schon genehmigt) endlich da ankommen, wo Ihr schon vor 15 Jahren wart. Aber ganz langsam merken sie etwas. Ganz allmählich sagt mal ein Kollege nicht mehr nur “toll”, wenn er hört, dass jemand im Urlaub für vier Tage an die Costa Brava gedüst ist. Sondern denkt kurz daran, wie er seit einiger Zeit trotz des schönen Wetters jeden Morgen um 5 vor fünf schlaftrunken ans Fenster wankt und es fest schließt, genervt und gereizt. Und dann doch bis zum Aufstehn halb sechs nicht mehr schlafen kann. Und den ganzen Tag über müde und schlecht gelaunt ist. Und den nächsten. Und die darauf folgenden auch. Bis der Wind mal dreht auf westliche Richtungen, dann trifft es endlich wieder die in Offenbach und Hanau.

Ganz langsam merken wir auch hier, dass der Flughafen alle betrifft. Zu langsam.

Aber wenn ich dann in meine Weinstube in Kostheim gehe und dort ein Gast (ein netter) mir erklärt, wie er vom ständigen Krach gerädert ist, dass die Region das alles aber leider brauche… tja, dann bin ich doch so perplex, dass mir nix mehr einfällt. Auch nette Leute fallen auf das dumme, Zorn weckende Geschwätz der Fraport, der Lufthansa, der hessischen Landesregierungen (gleich ob die FDP oder die Grünen den Junior machen) herein. Als ob alles Wirtschaftswachstum sich auf “Rhein-Main” konzentrieren müsste! Dabei stöhnen wir hier unisono über hohe Mieten, mangelnden Wohnraum, Verkehrsinfarkt! Während in Nordhessen, der Westpfalz u.s.w. die Menschen in solchen Scharen abwandern, dass dort eine Arztpraxis nach der andern Schule nach dem nächsten Lebensmittelladen geschlossen wird, weshalb die Leute ja auch nach Rhein-Main ziehen, weshalb die… circulus vitiosus.

Hätten die Ausbau-Befürworter wirklich volkswirtschaftliche Gründe, es wäre immer noch schlimm. Aber es geht gar nicht um Wachstum der Wirtschaft. Dann würden sie die Wirtschaft in Nordhessen und der Westpfalz ankurbeln wollen, um Steuern und Sozialabgaben dort zu generieren und unsere Sozialausgaben in diese wirtschaftsschwachen Gebiete zu verringern. Nein, es geht nicht um Volkswirtschaft, gar um “Nutzen für alle”. Das behaupten sie nur.

Es geht um knallharte, egoistische, a-soziale betriebswirtschaftliche Erwägungen – zu Lasten volkswirtschaftlicher Rationalität. Darum, dass nicht ein Unternehmen, sondern politische Institutionen, das Bundesland Hessen und die Stadt Frankfurt, Betriebs- vor Volkswirtschaft stellen. Und mit einer Macht durchsetzen, die sogar die eines Großunternehmens von Fraport-Volumen noch übertrifft – weil sie alle fünf Jahre durch Wahlen legitimiert wird. Es geht um das Versagen der Politik. Nicht etwa gegenüber “der Wirtschaft”. Sondern bei ihrer zentralen Aufgabe, unterschiedliche Interessen politisch abzuwägen.

Solche Gedanken gehn mir durch den Kopf, wenn ich Leute wie unsere nette Kostheimer Weinstuben-Bekanntschaft reden höre.

Und dann? Geh ich heim und ärgere mich, dass ich das alles zwar weiß, aber keine Ahnung habe, wie ichs vermitteln soll.

Und dass wir mit Argumenten gegen diese, ach, ich schreib’s nicht, aus Luftfahrtindustrie und Politik eh nix ausrichten, dass es also völlig egal ist, ob ich auf den Mund gefallen bin oder nicht, das machts nicht besser. Wenn dann zur Hilflosigkeit noch die Erfahrung der Arroganz tritt, mit der das Anliegen, den Flugverkehr erträglicher zu gestalten, als bedeutungslos, naiv oder sogar egoistisch (!) abgefertigt wird, dann ist es bis zu diesem Wutausbruch hier nicht mehr weit. Die Überschrift entnahm ich – wörtlich – einem Leserbrief aus der F.A.Z. Der Mann behauptete, die Leute, die den Krach nicht mehr ertragen, seien alle Egoisten, die nur um ihr persönliches Wohlergehen besorgt seien und nicht an die Allgemeinheit dächten.

So gesehen, kann ich mit Recht behaupten, mein Zornausbruch hier war bei Weitem nicht das Dümmste, was zum Thema geschrieben wurde. Denn um die Allgemeinheit geht es längst.