Senkrechte Busse! Oder: Kunst kommt von Müssen

Siehe hier. Der Fotograf, Christoph Boosen, schreibt dazu: „[…] Mit dieser Installation, die symbolisch den Bau von Barrikaden gegen Scharfschützen im syrischen Bürgerkrieg aufgriff, wollte Halbouni rund um das Gedenken Dresdens an die Zerstörung der Stadt am Ende des 2. Weltkriegs eine Verbindung schaffen zwischen diesem Gedenken und dem Bürgerkrieg in Syrien bzw. dem Leid der syrischen Bevölkerung.“

Dazu ein Zitat von Burkard Fuhs, den zu kennen ich vor langer Zeit einmal die Ehre hatte – aufgeschnappt bei einem Gespräch auf einer Party in den 90ern: „Kunst kommt nicht von Können, Kunst kommt von Müssen“.

Das leidige Problem…

die richtige Haltung zu finden, wenn’s aussieht, als gäbe es nur falsche Möglichkeiten. Kurz erklärt von Eva Illouz in der Süddeutschen Zeitung am Beispiel  Antisemitismus.

Der Artikel lohnt, finde ich, das kostenlose Probeabo, das die SZ anbietet.

Ebenso lohnend zum Thema ist die Lektüre dieser Buchrezension im Feuilleton der FAZ. Mich erstaunt und betrübt immer wieder, ausgerechnet in diesem Rechtfertigungsorgan des gutsituierten Egoismus so kluge und klare Gedanken zu finden… Das machen die ganz klar mit Absicht!

Anthropozän II

Wie weit wir vom Verstehen entfernt sind, ist an unserem Tun ersichtlich: von unserem Planeten verstehen wir als Spezies beinahe nichts. Immerhin reichten unsere Kenntnisse, ihn innerhalb weniger Generationen bis zur Unkenntlichkeit zu verändern.

Natürlich, Endzeitstimmung gab es immer schon. Vor tausend Jahren bereits glaubte die Christenheit, der Untergang der Welt und das letzte Gericht Gottes stünden bevor. Doch erst das vergangene Jahrhundert, das zwanzigste christliche, ging als jenes in die Geschichte ein, das tatsächlich die passenden Werkzeuge lieferte, die Welt untergehen zu lassen.

blind
blind

Hantieren wir eine kurze Zeit weiter mit ihnen wie bisher: wer wird wem diese Geschichte dann noch erzählen können? Und in welcher Sprache?

Mofi des Jahrhunderts

Die Mondfinsternis am 27.7.2018 war bei uns daheim erst gar nicht zu sehen, dann ein bisschen und gegen Ende ganz gut. In der „Bei-uns-ganz-gut-zu-sehen-Phase“ war der Mond bereits aus dem Kernschatten der Erde ausgetreten. Der Blutmond-Effekt war schon beinahe vorüber.

Blutmond am Ende

Natürlich trotzdem geknipst wie wild. Anschließend mit der Smartphone-App „Snapseed“ ein naives Sandwichbild gebastelt:

luna
plusieurs fois la lune

Ich hatte Spaß, beim Knipsen wie beim Basteln. Viel Können steckt freilich nicht dahinter. Auch keine außergewöhnliche Technik. Und das ist an diesem Bild das eigentlich Bedeutsame – Ergebnisse wie dieses waren noch vor wenigen Jahrzehnten (zwei, um es zu präzisieren) professionellen Kamerateams und Publishern vorbehalten.

Werde ich alt, oder ist das Erstaunen über die technologischen Möglichkeiten vom Lebensalter unabhängig?

Nagut. Ich ziehe die Frage zurück.

Die Kathedrale meiner Kindheit

 

… das klingt aber prätentiös. Ein bisschen was ist dran: ich war neun oder zehn, als meine Eltern mich auf einen Tagesausflug nach Metz mitnahmen, das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Lothringens.

Im Saarland, direkt an der deutsch-französischen Grenze, lebt unsere Verwandtschaft, die wir drei, vier mal jährlich besuchten. Und die Gegend auf der andern Seite, das war Lothringen. Mit Zöllnern und mit lauter Menschen, die nicht schwer zu verstehen waren wie meine Tanten und Onkel, sondern überhaupt nicht. Sehr geheimnisvoll, dieses Grenzland. Als Kinder war es abenteuerlich für uns, die Cousins mit dem Rad von Überherrn nach Merten zu begleiten und der dortigen Dorfjugend oder dem Zoll zu entkommen. Letzterer war berufsmäßig hinter uns her, denn wir nahmen verbotene Feldwege, die andern mochten damals überhaupt keine „boches“.

Und dann kam ich mit den Eltern das erste Mal nach Metz. Dort war „deutsch sein“ schon damals kein Problem mehr, vielmehr: es war nicht so zu spüren. Und ich, der Frankfurter Bub, sah zum ersten Mal bewusst das unzerstört alt gebliebene Zentrum einer großen Stadt.

Und die Kathedrale. Das ist beinahe fünfzig Jahre her und ich habe kaum Erinnerungen daran. Doch an das Erstaunen, das ich im Innern der Kirche empfand erinnere ich mich. Ich glaube, meine bis heute anhaltende Freude an gotischer Sakralarchitektur wurde damals und dort geweckt. In den achtziger Jahren, als Jugendlicher, war ich noch öfter da. Mit dem Fahrrad, ein paar mal dann per Autostop auf meinen Tramptouren durch Frankreich.

Dieses Jahr, kurz vor Ostern, besuchte ich Metz nach bestimmt drei Jahrzehnten das erste Mal wieder, gemeinsam mit meiner Frau. Ich kann nicht behaupten, viel von der Stadt wiedererkannt zu haben. Doch eine Erinnerung stellte sich tatsächlich ein: die an das sprachlose Erstaunen, das ich als Zehnjähriger empfand, als ich zum ersten Mal in eine gotische Kathedrale eintauchte.

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Heimatfotos

Diese Fotos sind Heimatfotos, weil sie alle auf dem Spazierweg entstanden sind, den mein Schatz und ich oft nehmen. Ich habe versucht, „neutral“ zu fotografieren, mich bei der Aufnahme also so gut wie möglich der Interpretation zu enthalten. Die Fotos sollten „zeigen, was ist“. Erstaunlicherweise wirken sie auf mich melancholisch – was „der Wirklichkeit“ an den jeweiligen Orten nicht entspricht. Diese Diskrepanz, dieses Auseinanderfallen von Wahrnehmung und Aufnahme… sind das eigentliche Thema dieses Beitrags.