Mofi des Jahrhunderts

Die Mondfinsternis am 27.7.2018 war bei uns daheim erst gar nicht zu sehen, dann ein bisschen und gegen Ende ganz gut. In der „Bei-uns-ganz-gut-zu-sehen-Phase“ war der Mond bereits aus dem Kernschatten der Erde ausgetreten. Der Blutmond-Effekt war schon beinahe vorüber.

Blutmond am Ende

Natürlich trotzdem geknipst wie wild. Anschließend mit der Smartphone-App „Snapseed“ ein naives Sandwichbild gebastelt:

luna
plusieurs fois la lune

Ich hatte Spaß, beim Knipsen wie beim Basteln. Viel Können steckt freilich nicht dahinter. Auch keine außergewöhnliche Technik. Und das ist an diesem Bild das eigentlich Bedeutsame – Ergebnisse wie dieses waren noch vor wenigen Jahrzehnten (zwei, um es zu präzisieren) professionellen Kamerateams und Publishern vorbehalten.

Werde ich alt, oder ist das Erstaunen über die technologischen Möglichkeiten vom Lebensalter unabhängig?

Nagut. Ich ziehe die Frage zurück.

Die Kathedrale meiner Kindheit

 

… das klingt aber prätentiös. Ein bisschen was ist dran: ich war neun oder zehn, als meine Eltern mich auf einen Tagesausflug nach Metz mitnahmen, das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Lothringens.

Im Saarland, direkt an der deutsch-französischen Grenze, lebt unsere Verwandtschaft, die wir drei, vier mal jährlich besuchten. Und die Gegend auf der andern Seite, das war Lothringen. Mit Zöllnern und mit lauter Menschen, die nicht schwer zu verstehen waren wie meine Tanten und Onkel, sondern überhaupt nicht. Sehr geheimnisvoll, dieses Grenzland. Als Kinder war es abenteuerlich für uns, die Cousins mit dem Rad von Überherrn nach Merten zu begleiten und der dortigen Dorfjugend oder dem Zoll zu entkommen. Letzterer war berufsmäßig hinter uns her, denn wir nahmen verbotene Feldwege, die andern mochten damals überhaupt keine „boches“.

Viele Felder, ein hoher, weiter Himmel, in jedem Dorf, aufgereiht an die einzige Straße, ganz ähnliche Häuser wie im Saarland (fand ich als Kind), nur noch ein bisschen ärmer. Irgendwie war dieses Lothringen verwunschen, mit Menschen, die einen davonjagten, wenn man als Deutscher erkannt wurde. Ein seltsames Land.

Und dann kam ich mit den Eltern das erste Mal nach Metz. Dort war „deutsch sein“ schon damals kein Problem mehr, oder es war nicht so zu spüren, und ich, der Frankfurter Bub, sah zum ersten Mal bewusst die unzerstört alt gebliebene Innenstadt einer großen Stadt.

Und die Kathedrale. Das ist fünf-, sechsundvierzig Jahre her, ich habe kaum Erinnerungen daran. Doch an das Erstaunen, das ich im Innern der Kirche empfand. Daran erinnere ich mich. Ich glaube, meine bis heute anhaltende Freude an gotischer Sakralarchitektur wurde damals und dort geweckt. In den achtziger Jahren, als Jugendlicher, war ich noch öfter da. Mit dem Fahrrad, ein paar mal dann per Autostop auf meinen Tramptouren durch Frankreich.

Dieses Jahr, kurz vor Ostern, besuchte ich Metz nach bestimmt dreißig Jahren das erste Mal wieder, gemeinsam mit meiner Frau. Ich kann nicht behaupten, viel von der Stadt wiedererkannt zu haben. Doch eine Erinnerung stellte sich tatsächlich ein: die an das sprachlose Erstaunen, das ich als Zehnjähriger empfand, als ich zum ersten Mal in eine gotische Kathedrale eintauchte.

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Heimatfotos

Diese Fotos sind Heimatfotos, weil sie alle auf dem Spazierweg entstanden sind, den mein Schatz und ich oft nehmen. Ich habe versucht, „neutral“ zu fotografieren, mich bei der Aufnahme also so gut wie möglich der Interpretation zu enthalten. Die Fotos sollten „zeigen, was ist“. Erstaunlicherweise wirken sie auf mich melancholisch – was „der Wirklichkeit“ an den jeweiligen Orten nicht entspricht. Diese Diskrepanz, dieses Auseinanderfallen von Wahrnehmung und Aufnahme… sind das eigentliche Thema dieses Beitrags.

 

 

 

 

 

 

Bibliothek

Bibliothek

Gestern wurde ich gefragt, wo sich auf meiner sehr …gelegentlich gepflegten kleinen Homepage die Seite mit den Bibliotheksbildern versteckt.

Hier.

Die Aufnahmen sind jetzt dreieinhalb Jahre alt. Streng genommen existiert die Fachbereichsbibliothek nicht mehr, denn sie ist nicht mehr Teil des Fachbereichs Recht und Wirtschaft, sondern der Universitätsbibliothek.  Weil ihre neue Bezeichnung „Bereichsbibliothek Rechts- und Wirtschaftswissenschaften“ ebenso sperrig ist wie die alte „Fachbereichsbibliothek Recht und Wirtschaft“, hat sich auch für die allgemein gebräuchliche alte Abkürzung „FBB03“ eine neue eingebürgert: „BB ReWi“.

Die Bilder sind freilich noch nicht veraltet. Viel Spaß!

Al-Quds, Jerusalem, Jeruschalajim

17. Rabi’Al-Awwal 1439 / 6. Dezember 2017 / 18. Kislew 5778

Der Präsident der USA hat Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt.  Jetzt gehen wir großen Zeiten entgegen: einer neuen Intifada! Was ist gerechter, als zur Strafe möglichst viele Juden umzubringen? Was bewegender, als möglichst viele beim Versuch Juden zu töten selbst getötete Palestinenser zu betrauern? Obwohl — sie werden als Märtyrer sterben, in den kommenden Wochen, Monaten, vielleicht Jahren. Und „als Märtyrer sterben“ heißt „in den Himmel kommen“. Perfekt. Hier auf Erden seine Mordlust an Juden austoben dürfen, dafür als Held gefeiert werden und im Jenseits das aller- allerschönste Leben haben.

Palestinenser müsste man sein — Tod den Judenschweinen, die es 1967 nach dem zweiten von uns angezettelten und verlorenen Krieg wagten, ihren Landgewinn nicht wieder herzugeben! Tod den Juden, die es wagten, sich zu nehmen, was sie für das ihre halten, nachdem wir mit unserem Versuch, dasselbe zu tun gescheitert sind! Sie haben den Tod verdient, denn sie schaffen, was wir zu gerne selber täten, wofür wir aber zu uneinig, zu ungebildet, zu arm und zu unterdrückt sind: eine funktionierende Staatlichkeit, ein halbwegs funktionierendes Rechtssystem, ein Bildungs-, ein Gesundheitswesen. Und ein Militär, das nicht bloß Massaker anrichtet, sondern die Kriege gewinnt, die wir beginnen.

Ach nein, ich bin lieber doch kein Palestinenser. Ich glaube, es ist eigentlich ganz schön beschissen, von den islamischen Staaten und allen Antisemiten weltweit dazu missbraucht zu werden, als lebender Beweis für die Gemeinheit Israels vegetieren zu müssen. Und obendrein ständig der Willkür irgend welcher Israelis ausgesetzt zu sein.

Nee, Israeli wär‘ ich auch nicht so gern: die ultrareligiösen Juden meines Landes erlauben mir nicht, Händchen mit meiner Freundin zu halten, meine Regierung tut einen Dreck, um etwas Vernunft in den Konflikt mit den Palestinensern zu bringen, meine jüdischen Nachbarn finden mehrheitlich, ein israelischer Sanitätssoldat, der einen wehrlosen verletzten Palestinenser umbringt, statt ihm zu helfen, damit er gesund wird  und ein rechtsstaatliches Verfahren für seinen Attentatsversuch gegen ihn angestrengt werden kann, sei kein Mörder, sondern ein Held. Und immer diese Vorwürfe: wir Israelis seien Nazis, würden die Menschen in Gaza behandeln wie die Deutschen unsere Vorfahren in Auschwitz. (Was, bei aller Bösartigkeit der israelischen Besatzung, eine atemberaubende Verharmlosung der Menschheitsverbrechen Nazi-Deutschlands darstellt.)

Wie schön, dass ich weder Palestinenser noch Israeli sein muss, sondern Deutscher zu Beginn des 21. Jahrhunderts sein darf. Was das Recht beinhaltet, in den kommenden schlimmen Monaten ungehemmt durch Wissen oder Empathie meinen wahlweise antisemitischen oder antiislamischen Vorurteilen laut und deutlich (und ungefährdet) Ausdruck zu verleihen.

Vielen Dank, Mr. Trump, für die Vorfreude auf dieses exquisite Vergügen.

PS.: Glücklicherweise darf ich ein Leben führen, in dem es mir nicht möglich ist, zu diesem Beitrag passende Fotografien aufzunehmen. Deshalb keine Bilder.

Anthropozän

Anthropozän: Als einzige Spezies, die sich, soweit wir wissen, der eigenen Vergänglichkeit bewusst ist, sind wir Menschen fieberhaft dabei, möglichst viele andere Arten auszurotten.

Als wären wir, kollektiv, unbewusst, darauf aus, uns am Leben selbst für seine Endlichkeit zu rächen, indem wir seine Voraussetzungen für alle zerstören.

rost