Spione, Spinde, Ökospasts. Ein Freitagabend an der Aufsicht

I
Spät in der Bibliothek. Ein Mann spricht mich an. Dünnes, fettiges Haar, ungepflegter Bart, abgerissene Kleidung. Er sieht mich nicht an, blickt unruhig umher. Er redet undeutlich, langatmiges, wirres Zeug. Spricht zu laut. Wir sind in einer Bibliothek! Ich bitte ihn, leiser zu reden, er tut es, kurz, dann wird er wieder lauter. Er fragt mich etwas, doch es vergeht einige Zeit, bis ich verstehe, was er will. Und dann kann ich ihm nicht helfen. Das teile ich ihm höflich mit. Da verrät er mir, dass er von den Spionen weiß und auch, dass sie mir beim letzten Mal Order gegeben haben, ihm Informationen vorzuenthalten. Aber dass er das Bewusstsein verloren habe, heiße doch nicht, dass er psychisch krank sei! Ich solle endlich ehrlich sein, endlich aufhören zu leugnen, dass es sie gebe. Die Spione. Mit ihren Anweisungen an die ganze Welt, ihn auszuschließen von allem. Seit Jahren schon schreibt er an die Gerichte, die ihn ignorieren, seine Klagen abweisen, seit Jahren schon sucht er einen Anwalt, aber alle lehnen es ab, ihn zu vertreten, er ist ganz allein. Und ich soll nicht so tun, als gehörte ich nicht zu ihnen!
Den Spionen.

II
Eine junge Frau spricht mich an. Nein, sie ist nicht paranoid, aber leicht panisch. Sie bekommt ihren Spind nicht mehr auf, ob ich ihr helfen kann. Standardfrage: Klemmt die Tür oder das Schloss? Das Schloß, aha. Nummernschloss? Ja – ob ich keinen Hausmeister oder so holen könnte? Es ist Freitagabend und wegen eines Zahlenschlosses kommt niemand aus dem Wochenende. Und nein, ich darf die Aufsicht nicht verlassen, habe kein Werkzeug, darf sowieso keine Schlösser knacken. Die Frau beginnt zu weinen. Ich erkläre ihr, dass ein Schloss mit drei Ziffernrädchen in längstens einer halben Stunde durchprobiert ist und ihr Spind wieder offen. Sie zieht ab, nicht überzeugt.

Fünf Minuten später ist sie wieder da, “ich kann das nicht!” Also nochmal, was sie tun muss, ist ätzend langweilig, aber völlig sicher: von “000″ bis “999″ alle Kombinationen… jetzt ist sie nicht mehr panisch, jetzt ist sie stinkig, dass ich die Kombi nicht für sie herausfinden will. Sie murmelt was im Gehen. Leise, aber ich hab’s gehört: “Dieser Ökospast!”
Mädel, wenn du wüsstest, wie recht du hast.

III
Eine andere Frau tritt ein, im Arm ihren vielleicht zweijährigen Sohn. Auch für Mütter gilt, Rucksack und Jacke müssen draußen bleiben. Ich will ihr gegen Perso einen Schlüssel geben, sie gibt den Ausweis ihrem Söhnchen und fordert ihn auf, er soll dafür den Spindschlüssel von mir in Empfang nehmen. Der Kleine tut wie geheißen, desinteressiert und ein bisschen gelangweilt. Ich bewundere seine Selbständigkeit. Als sie wieder gehen, gibt er mir auch brav den Schlüssel zurück. Als ich ihm den Ausweis seiner Mutter gebe, fällt sein Blick auf das Passbild. Er strahlt auf, holt tief Luft und kräht begeistert “Mama!!!”

IV
Zwei junge Männer kommen und fragen wo der Briefkasten des Pendels ist. “???” Ja, sie sollen ihre Masterarbeiten dort einwerfen.

Glückwunsch für die Masterarbeiten, Jungs. Es heißt übrigens Pedell.

P.S.
Also, ich geb es zu. Ja, ich bin einer von diesen Spionen, die sich gegen den Besucher von oben wenden. Es ist ganz einfach: ich kann ihm nicht helfen. Nicht im Dienst – das beweist ihm, dass ich mit denen gemeinsame Sache mache. Und auch nicht nach Feierabend – das zeigt mir, dass ich zur Partei der Spione gehöre. Ganz einfach wie gesagt. Entweder man ist Teil des Problems oder man ist Teil der Lösung, nicht?
Und, definitiv, ich bin nicht Teil der Lösung, die er braucht.

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