Flüchtlinge. Ein Rundumschlag

Nummer 52

Meine Großeltern mütterlicherseits kamen aus Oberschlesien nach Thüringen. Sie kamen nicht einfach, sie flohen. Im Januar 1945. Und im September 1949 flohen sie wieder. Und mit ihnen ihre Kinder – mein Onkel und meine Mutter. Diesmal so weit wie möglich nach Westen, ins Saarland, das stand damals noch unter französischer Verwaltung. Deutschland, dieses politische Gebilde erst seit 1872, hat zu Lebzeiten meiner Großeltern die zwei schlimmsten Kriege der bekannten Geschichte verloren und mindestens einen davon, den schlimmeren, alleine angezettelt. Am anderen, dem ersten der beiden Weltkriege, sagen Historiker, sei Deutschland nicht alleine schuld. Andere sagen anderes. Spielt das heute noch eine Rolle?

Wasweißich.

Ja. Was weiß ich?

Ich weiß, dass Deutschland, sobald es die Möglichkeit bekam, nichts besseres zu tun hatte, als zum dritten Mal jene Stadt zur Hauptstadt zu machen, von der aus es bereits zwei Mal zuvor Europa mit Krieg überzogen und sein eigenes Ende herbeigeführt hat – einmal in der kaiserlichen, einmal in der nationalsozialistischen Variante. Womit beide Modelle sich hinreichend disqualifiziert haben sollten.

Bis heute glaub’ ich ja, meine Landsleute hätten etwas mehr Geschmack beweisen können. Das ist eine Frage des Stils. Aber vielleicht ist Stil ja nicht unbedingt urdeutsch, nicht falsch verstehen, man kann stilvoll den schlimmsten Dreck verzapfen oder stillos ganz vernünftige Sachen tun, also bitte, liebe zweieinhalb Leserinnen und Leser: it’s not about politics, it’s about taste.

Und weil ich klug genug bin um zu wissen, dass ich von Politik keinen allzu hellen Schimmer habe, ist auch das Folgende eine Stil- oder Geschmackssache für mich, keine “politische”: Ein Land, das nach 1945 mehrmals Millionen von Flüchtlingen aufgenommen hat, ist tatsächlich ganz gut geeignet, es erneut zu tun. Wie ich darauf komme? Schau’n mer mal:

1945 ff: Die “Flichtlinge” aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Millionen entwurzelter, traumatisierter, unterernährter, perspektivloser Männer, Frauen, Kinder. Die Eingliederung verlief langsam und schmerzhaft (vor allem für die Flüchtlinge natürlich, fragt meinen Onkel, was die Gleichaltrigen auf dem Schulhof mit ihm angestellt haben). Heute ist sie eine ferne Erinnerung.

In den sechziger und siebziger Jahren dann kamen Millionen Gastarbeiter. Aus Süditalien, Spanien, Griechenland, der Türkei. Mir, Jahrgang 1962, wurde in der Grundschule noch Angst gemacht vor den Itackern; die stechen unsere Frauen im Dunkeln mit dem Messer ab, nachdem sie sich an ihnen vergangen haben. (Keine Ahnung gehabt, was “vergangen haben” war, aber gegruselt hat’s mich wie erhofft). Jaja, das waren keine Flüchtlinge. “Wir” brauchten Arbeitskräfte und “die” kamen zum Geld verdienen. Wirklich keine Flüchtlinge? Hm, sie flohen ihre Armut und Perspektivlosigkeit. Dumm halt, dass sie blieben und ihre Familien nachholten.

Wirklich so dumm? Wär’ der Ruhrpott ohne die “Polacken” hundert Jahre zuvor so groß geworden? (Gut, ein ländlich gebliebenes Ruhrgebiet hätte womöglich auch segensreiche Folgen gehabt, kein Krupp, kein Thyssen, kein Adolf… aber das ist gehaltlose Spekulation und lenkt vom Thema ab). Und ohne die Spaghetti- oder Knoblauchfresser hätte Deutschland (West) seine führende wirtschaftliche Rolle nicht erlangt.

Okay, die Zeiten heute sind andere, wir brauchen keine billigen, unwissenden Malocher mehr, sondern ausgebildete Fachkräfte (und weil es schön ist, ihre Ausbildungskosten einzusparen, haben wir nix dagegen, wenn die ausm Ausland kommen). Heute streiten wir nicht, ob die Türken hier bleiben dürfen, sondern ob sie nun alle ein reaktionär-religiöses Weltbild vertreten oder nur ein Teil. Die Itacker von 1970 sind selbstverständliche Mitbürger, die allermeisten Türken auch.

In den Achtziger und Neunziger und Nuller Jahren kamen, grob gesagt, etwa zwei Millionen Spätaussiedler, Russlanddeutsche, jüdische Aussiedler aus der Sowjetunion und nach ihrem Zusammenbruch aus der GUS, diesem Zusammenschluss von Beinahe-Failed States, der es schaffte, binnen vier Jahren die durchschnittliche Lebenserwartung seiner Bewohner um fast elf Lebensjahre zu senken. Ein Wunder eigentlich, dass nur so wenige kamen. (Und kein Wunder, dass so viele den ollen Dschugaschwili wieder wollen.)

Immer wieder mal wird der Vorwurf laut, diese Gruppen kultivierten ein seltsames Weltbild und blieben am liebsten unter sich. Trotzdem ruft niemand im Ernst “Russlanddeutsche raus”.

EU-Osterweiterung der letzten Jahre: Polen, Tschechen, Rumänen, Bulgaren, Ungarn… Trotz Freizügigkeit kamen weniger als befürchtet, um es sich in “unserer sozialen Hängematte bequem zu machen”. Wer kam, wollte meistens auch arbeiten. Ob er Arbeit fand oder findet, ist eine andere Frage – keine unwichtige.

Wir sehen aber, seit Gründung der Bundesrepublik hat sie Menschen aus anderen Ländern integriert. Oft unter großen Schwierigkeiten. Und die Schwierigkeiten dauern an. Kein Mensch, der noch bei Verstand ist, würde das bestreiten, doch unterm Strich verlief jede dieser großen Einwanderungswellen erfolgreich.

Mit je nach Schätzung bis zu drei Millionen -wieder mal- traumatisierten, entwurzelten Kriegsflüchtlingen werden die Schwierigkeiten noch größer! Zumal viele eigene kulturelle und religiöse Haltungen mitbringen, die, wer wollte das leugnen, nicht ohne Weiteres in das öffentliche Leben Deutschlands passen. Mädchen dürfen den Schwimmunterricht nicht besuchen – aus religiösen Gründen? Die Frauen von Immigranten, die ImmigrantINNEN also, werden von ihren männlichen Verwandten daran gehindert, Deutsch zu lernen? Das soll Integration sein?!

Schlimmer als “unpassende” kulturelle oder religiöse Überzeugungen ist aber wohl die Anomie, der Verlust an Werten überhaupt, bis nur noch eine Überzeugung übrig ist: ich muss härter sein als die Schwuchteln um mich herum. Die männlichen Kinder aus Einwandererfamilien wenden sich überproportional häufig kriminellen Karrieren zu. Sagt die Presse zumindest – und da haben wir gleich ein gutes Beispiel für “Wahrheit versus Wirklichkeit”. Denn tatsächlich ist es egal, ob diese Behauptung zutrifft (also “wahr” ist) oder nicht. Sie stellt unsere gesellschaftliche Wirklichkeit her – und meine eigene auch: Ich hab in der Innenstadt ein mulmiges Gefühl, wenn mir junge Männer eines bestimmten Aussehens und Habitus’ begegnen.

Ist diese Angst grundlos? Nein, wahrscheinlich nicht völlig. Doch wahrscheinlich sollte ich mich dann auch vor anderen Gruppen fürchten: Die Verwechselung von “Angst machen” mit “Respekt verdienen” findet sich ja nicht nur bei “Migranten”. Sie ist überall in den “bildungsfernen Schichten” und eben nicht nur unter Einwanderern immer häufiger zu finden. Mein Verdacht: sie findet sich heute schichtenübergreifend häufiger als im nachträglich trotzdem meist verklärten “früher”.

Aber wisst Ihr was? Niemand mit Verstand hat je behauptet, es sei einfach, nicht einmal Frau Dr. Merkel. Die hat wirklich nie gesagt “Wir schaffen das ganz easy”. Ist es ja auch nicht, besonders nicht für die Einwanderer. Meistens haben erst die Kinder der Immigrierten – vielleicht – eine Chance auf ein “gutes Leben”. Das ist überall so, ob in den USA, dem Einwanderungsland schlechthin, oder Großbritannien, das mit Migranten aus seinem Commonwealth sehr unterschiedliche Erfahrungen macht, aber den Zuzug nur zögerlich einschränkt. Oder bei uns.

Ich hab freilich noch nie gehört, dass Einwanderungswillige kommen, weil sie Spaß dran hätten. So jemand wird “Tourist” genannt und hat auch im Herkunftsland ein gutes Leben. Ach, da hätt’ ich dochmal ‘ne Idee: wir beuten die Länder Afrikas ein bisschen gesitteter aus als derzeit und dafür kommen weniger Menschen auf der Suche nach einem Ort zum Überleben zu uns. Wir schüren die Konflikte im sog. Nahen Osten nicht in der Absicht weiter, Gas- und Ölpreise zu unseren Gunsten niedrig zu halten, koste es die anderen was es wolle, und weil dann weniger Kriegsflüchtlinge aus Syrien kommen müssen, sparen wir ein paar Milliarden Euro ein, die wir Erdogans Türkei zur Zeit dafür zahlen müssen, dass sie die Drecksarbeit mit den syrischen Kriegsfl … nein? Kein Interesse? Na, dann halt nicht. War auch nur so’n Gedanke.

Aber die Alternative, die dann zur langfristigen Aufnahme von Flüchtlingen noch bleibt, ja, die hat diese Frau von der “Alternative für Deutschland” in wünschenswerter Deutlichkeit formuliert: Schusswaffengebrauch an Deutschlands Grenzen. Und das (keine Diskussion mehr möglich mit einem, der das ernsthaft befürwortet), das kann Deutschland nicht. Es würde die Deutschen … erneut … zu Unmenschen machen, zu Monstren.

Was ein in Flüchtlingsfragen so bewandertes Land wie Deutschland tun kann und muss, ist letztlich dies: den Migrantinnen und Migranten die reelle Chance bieten, sich einzugliedern. Und die Möglichkeiten dafür zeigen. Immer wieder. Und weder so tun, als sei alles ganz einfach, das ist es weder für die “Alten”, noch die “Neuen”. (Für die, vielleicht auch daran denken, ist es freilich viel, viel schwerer!) Noch behaupten, die Schwierigkeiten seien unüberwindlich. Die Migrationsbewegungen, die Deutschland in der Vergangenheit erlebte, waren (wahrscheinlich) kleiner als die aktuelle oder die kommenden. Aber mit ihrem jeweiligen Abflachen ließ sich jedes Mal zeigen, dass “Deutschland” daran nicht unterging oder zerbrach.

Es wird nicht leicht. Wann war es das je? Aber “wir schaffen das”. Ganz sicher. Die Frage bleibt allerdings: wie gut schaffen “wir“ es? Und die stellt sich jedem und jeder einzelnen. Den Alten wie den Neuen im Land.

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