Köln, Domplatte, Sylvester 2015

Es geht nicht um Kulturkreise. Ein sexistisches, kriminelles Arschloch gehört entsprechend behandelt. Auch wenn es “nordafrikanisch aussieht”. Alles andere wäre übrigens rassistisch. Es geht um das Recht, im öffentlichen Raum unbehelligt zu bleiben. Dieses Recht steht arabischstämmigen jungen Männern ebenso zu wie “biodeutschen” (wer hat bloß dieses Ekelwort erfunden?) Frauen, Kopftuch tragenden Musliminen wie Bierbauch tragenden Urlaubern in Bermudashorts*.

Wasserspeier, Naumburger Dom
Deutsche Leitkultur, in Stein gehauen seit 700 Jahren

Diese Diskussionen, ob und wie “wir” “unsere” Frauen vor “denen” schützen können, sind eklig – und im Kern schon falsch. Falsch ist die zugrundeliegende Vorstellung, die zu schützenden Frauen seien irgend jemandes Eigentum. Die sitzt in den Köpfen reaktionärer “Biodeutscher” christlichen Hintergrundes (nicht nur Männer!) ebenso wie in denen reaktionärer “Einwanderungsdeutscher” mit muslimischem. Was das Ganze nicht einfacher macht, denn es heißt ja ausdrücklich “Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich”, nicht “deutsch aussehende Männer sind vor dem Gesetz gleich und müssen ihre Frauen vor ausländisch aussehenden Männern beschützen.”

Was da zu Sylvester in Köln sichtbar wurde, ist kriminell und sexistisch und insofern leider überhaupt nicht neu. Es hat jedoch eine für die Bundesrepublik Deutschland neue Dimension sichtbar werden lassen: die der organisierten, mindestens verabredeten, massenhaften Einschüchterung. Darauf muss reagiert werden – strafrechtlich, zivilrechtlich, wo es geht, und schließlich, indem offen über die Hintergründe und die Ursachen dieser Geschehnisse gesprochen wird. Und ein Bestandteil dieser Hintergründe ist, leider, die nicht von der Hand zu weisende Aufteilung zwischen Einschüchterer und eingeschüchterten, Tätern und Opfern mithin: Hie “südländisch”- männlich – jung, hie weiblich, vermutete Herkunft und Alter egal.

Darüber müsste geredet werden.

Was stattdessen durch die großen Zeitungen veröffentlicht wird, dient leider meist zu nicht viel mehr als zur propagandistischen Vereinnahmung der Wirklichkeit.

Wasserspeier, Naumburger Dom

Denn die kriminellen Ereignisse auf der Kölner Domplatte sind entgegen dem Anschein kein Problem “der Migranten”, die “unsere Werte” missachten würden. Sie sind eine Folge massenhaft und hoffnungslos missglückter Erziehung und Selbsterziehung: Zum sexistischen Kriminellen, der “Angst & Ekel verbreiten” mit “Respekt verdienen” gleichsetzt und Einschüchterung und Raub zum Vergnügen und zum Broterwerb nutzt, wird man weder von alleine, noch gegen den eigenen Willen.

Ich will also nicht um Verständnis für die Täter werben, weil sie bestimmt eine schwere Kindheit hatten. Das wäre Augenwischerei, und ist Schwachsinn, wenn’s ernst gemeint ist.

Ich will darauf hinweisen, dass die reflexhaften Schuldzuweisungen an “die Araber”, “die Muslime”, “die Asylanten” rechtsreaktionäres Denken sind und vor allem falsch. Und ich will darauf hinweisen: Verhältnisse wie in Köln, Hamburg und anderen Städten an Sylvester sind nicht tolerierbar.

Wasserspeier, Naumburger Dom

Doch sie sind nicht etwa deshalb nicht tolerierbar, weil die sexistischen Kriminellen “arabisch aussahen”, sondern weil sie, verdammt nochmal! sexistische kriminelle Arschlöcher sind und dafür bestraft gehören. (Nicht für ihre Ansichten, für die gehören sie nur verachtet. Für ihre Taten.) Und wer meint, das hätte jetzt bei mir doch irgend etwas mit Fremdenfeindlichkeit zu tun, macht einfach falschen Gebrauch von seinem Denkvermögen.

Alle, die hier leben, auch muslimische junge Männer, auch NPD wählende Sachsen mit und ohne Glatze, sollten ebenso wissen wie die Kölner Oberbürgermeisterin: wer von Frauen verlangt, dass sie sich zu ihrer Sicherheit anders benehmen sollen, verlangt etwas Unrechtes.

Es hat nichts mit Feminismus zu tun, darauf zu beharren, dass Frauen eben nicht auf eine Armlänge Abstand zu Männern achten müssen! Feministisch würde es erst, wenn Frauen sich frauen-spezifische Wege suchten, diese und all die vielen anderen frauenfeindlichen Zumutungen endlich abzuschütteln.

Der Verzicht, einem Geschlecht besondere Verhaltensregeln aufzuzwingen, ist eine der Errungenschaften der zivilen Gesellschaft. Und wer nicht bereit ist zu diesem Verzicht, ist Teil des Problems, das sich Sylvester auf der Domplatte zeigte.

Wasserspeier, Naumburger Dom

Doch so zu tun, als erhielte dieses Problem durch die Masseneinwanderung aus Krisen- und Kriegsgebieten keine neue Dringlichkeit, hieße die Augen verschließen. Selbstverständlich stellt massenhafte Einwanderung vor Probleme. Und selbstverständlich lautet eines davon:

Gewalterfahrung macht gewaltbereit, nicht friedfertig. Es wäre naiv zu glauben, schwer mit Überleben zu tun habende Menschen seien durch ihre entsetzlichen Erfahrungen friedliebender als andere.

Wie können Menschen in eine offene, friedliche Gesellschaft integriert, also einbezogen werden, die aus repressiven Gesellschaften mit menschenverachtenden religiösen Traditionen kommen? Oder – rein statistisch noch immer viel wahrscheinlicher – aus repressiven Familien in Deutschland? Und wie “offen und friedlich” kann überhaupt eine Gesellschaft sein, die mit den Hauptverursachern des aktuellen Flüchtlingselends fantastische Geschäfte macht – Saudi-Arabien, Iran, Qatar, you name it?

Wasserspeier, Naumburger Dom

Die Antwort des Stammtisches heißt “abschieben, einknasten, an der Grenze erschießen”. Das ist zwar brutaler, aber, irrt Euch nicht, naiv, grenzenlos naiv ist es ebenfalls. Die Probleme werden mindestens teilweise auf unserer Insel der Seligen mitverursacht, wir werden sie nicht mit Stammtischparolen lösen.

Es geht um den Erhalt von Freiheit in unserer Gesellschaft? Die ist nicht aufrecht zu erhalten, indem wir sie für einen Teil der Bevölkerung auf Verdacht abschaffen! Ob es uns passt oder nicht: Fakt ist, dass der öffentliche Raum schon um der Verteidigung “unserer Werte” willen muslimischen Männern ebenso gehört wie evangelischen Frauen. Oder jüdischen, schwarzen, behinderten Transsexuellen.

Was freilich der biodeutsche Stammtischbruder und der einwanderungsdeutsche Koranschulbesucher gleichermaßen akzeptieren lernen müssen.

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*Und das mit den Bermudashorts… das nehme ich zurück.

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(Mangels Bildern aus Köln alle Fotos vom Dom zu Naumburg. Sorry.)

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