{"id":189,"date":"2016-04-08T22:42:16","date_gmt":"2016-04-08T20:42:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stephan-max.de\/wordpress\/?p=189"},"modified":"2024-07-11T17:24:20","modified_gmt":"2024-07-11T15:24:20","slug":"189","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stephan-max.de\/wordpress\/?p=189","title":{"rendered":"Fl\u00fcchtlinge. Ein Rundumschlag"},"content":{"rendered":"<div class=\"entry\">\n<p>Meine Gro\u00dfeltern m\u00fctterlicherseits kamen aus Oberschlesien nach Th\u00fcringen. Sie kamen nicht einfach, sie <em>flohen<\/em>. Im Januar 1945. Und im September 1949 flohen sie wieder. Und mit ihnen ihre Kinder \u2013 mein Onkel und meine Mutter. Diesmal so weit wie m\u00f6glich nach Westen, ins Saarland, das stand damals noch unter franz\u00f6sischer Verwaltung. Deutschland, dieses politische Gebilde erst seit 1872, hat zu Lebzeiten meiner Gro\u00dfeltern die zwei schlimmsten Kriege der bekannten Geschichte verloren und mindestens einen davon, den schlimmeren, alleine angezettelt. Am anderen, dem ersten der beiden Weltkriege, sagen Historiker, sei Deutschland nicht alleine schuld. Andere sagen anderes. Spielt das heute noch eine Rolle?<\/p>\n<p>Waswei\u00dfich.<\/p>\n<p>Ja. Was wei\u00df ich?<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, dass Deutschland, sobald es die M\u00f6glichkeit bekam, nichts besseres zu tun hatte, als zum dritten Mal jene Stadt zur Hauptstadt zu machen, von der aus es bereits zwei Mal zuvor Europa mit Krieg \u00fcberzogen und sein eigenes Ende herbeigef\u00fchrt hat \u2013 einmal in der kaiserlichen, einmal in der nationalsozialistischen Variante. Womit beide Modelle sich hinreichend disqualifiziert haben sollten.<\/p>\n<p>Bis heute glaub\u2019 ich ja, meine Landsleute h\u00e4tten etwas mehr Geschmack beweisen k\u00f6nnen. Das ist eine Frage des Stils. Aber vielleicht ist Stil ja nicht unbedingt urdeutsch, nicht falsch verstehen, man kann stilvoll den schlimmsten Dreck verzapfen oder stillos ganz vern\u00fcnftige Sachen tun, also bitte, liebe zweieinhalb Leserinnen und Leser: it\u2019s not about politics, it\u2019s about taste.<\/p>\n<p>Und weil ich klug genug bin um zu wissen, dass ich von Politik keinen allzu hellen Schimmer habe, ist auch das Folgende eine Stil- oder Geschmackssache f\u00fcr mich, keine \u201cpolitische\u201d: Ein Land, das nach 1945 mehrmals Millionen von Fl\u00fcchtlingen aufgenommen hat, ist tats\u00e4chlich ganz gut geeignet, es erneut zu tun. Wie ich darauf komme? Schau\u2019n mer mal:<\/p>\n<p>1945 ff: Die \u201cFlichtlinge\u201d aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Millionen entwurzelter, traumatisierter, unterern\u00e4hrter, perspektivloser M\u00e4nner, Frauen, Kinder. Die Eingliederung verlief langsam und schmerzhaft (vor allem f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge nat\u00fcrlich, fragt meinen Onkel, was die Gleichaltrigen auf dem Schulhof mit ihm angestellt haben). Heute ist sie eine ferne Erinnerung.<\/p>\n<p>In den sechziger und siebziger Jahren dann kamen Millionen Gastarbeiter. Aus S\u00fcditalien, Spanien, Griechenland, der T\u00fcrkei. Mir, Jahrgang 1962, wurde in der Grundschule noch Angst gemacht vor den Itackern; die stechen unsere Frauen im Dunkeln mit dem Messer ab, nachdem sie sich an ihnen vergangen haben. (Keine Ahnung gehabt, was \u201cvergangen haben\u201d war, aber gegruselt hat\u2019s mich wie erhofft). Jaja, das waren keine Fl\u00fcchtlinge. \u201cWir\u201d brauchten Arbeitskr\u00e4fte und \u201cdie\u201d kamen zum Geld verdienen. Wirklich keine Fl\u00fcchtlinge? Hm, sie flohen ihre Armut und Perspektivlosigkeit. Dumm halt, dass sie blieben und ihre Familien nachholten.<\/p>\n<p>Wirklich so dumm? W\u00e4r\u2019 der Ruhrpott ohne die \u201cPolacken\u201d hundert Jahre zuvor so gro\u00df geworden? (Gut, ein l\u00e4ndlich gebliebenes Ruhrgebiet h\u00e4tte wom\u00f6glich auch segensreiche Folgen gehabt, <span style=\"text-decoration: line-through;\">kein Krupp, kein Thyssen, kein Adolf\u2026<\/span> aber das ist gehaltlose Spekulation und lenkt vom Thema ab). Und ohne die Spaghetti- oder Knoblauchfresser h\u00e4tte Deutschland (West) seine f\u00fchrende wirtschaftliche Rolle nicht erlangt.<\/p>\n<p>Okay, die Zeiten heute sind andere, wir brauchen keine billigen, unwissenden Malocher mehr, sondern ausgebildete Fachkr\u00e4fte (und weil es sch\u00f6n ist, ihre Ausbildungskosten einzusparen, haben wir nix dagegen, wenn die ausm Ausland kommen). Heute streiten wir nicht, ob die T\u00fcrken hier bleiben d\u00fcrfen, sondern ob sie nun alle ein reaktion\u00e4r-religi\u00f6ses Weltbild vertreten oder nur ein Teil. Die Itacker von 1970 sind selbstverst\u00e4ndliche Mitb\u00fcrger, die allermeisten T\u00fcrken auch.<\/p>\n<p>In den Achtziger und Neunziger und Nuller Jahren kamen, grob gesagt, etwa zwei Millionen Sp\u00e4taussiedler, Russlanddeutsche, j\u00fcdische Aussiedler aus der Sowjetunion und nach ihrem Zusammenbruch aus der GUS, diesem Zusammenschluss von Beinahe-Failed States, der es schaffte, binnen vier Jahren die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Zerfall_der_Sowjetunion#Folgen_und_Bewertung\">durchschnittliche Lebenserwartung seiner Bewohner<\/a> um fast elf Lebensjahre zu senken. Ein Wunder eigentlich, dass nur so wenige kamen. (Und kein Wunder, dass so viele den ollen Dschugaschwili wieder wollen.)<\/p>\n<p>Immer wieder mal wird der Vorwurf laut, diese Gruppen kultivierten ein seltsames Weltbild und blieben am liebsten unter sich. Trotzdem ruft niemand im Ernst \u201cRusslanddeutsche raus\u201d.<\/p>\n<p>EU-Osterweiterung der letzten Jahre: Polen, Tschechen, Rum\u00e4nen, Bulgaren, Ungarn\u2026 Trotz Freiz\u00fcgigkeit kamen weniger als bef\u00fcrchtet, um es sich in \u201cunserer sozialen H\u00e4ngematte bequem zu machen\u201d. Wer kam, wollte meistens auch arbeiten. Ob er Arbeit fand oder findet, ist eine andere Frage \u2013 keine unwichtige.<\/p>\n<p>Wir sehen aber, seit Gr\u00fcndung der Bundesrepublik hat sie Menschen aus anderen L\u00e4ndern integriert. Oft unter gro\u00dfen Schwierigkeiten. Und die Schwierigkeiten dauern an. Kein Mensch, der noch bei Verstand ist, w\u00fcrde das bestreiten, doch unterm Strich verlief jede dieser gro\u00dfen Einwanderungswellen erfolgreich.<\/p>\n<p>Mit je nach Sch\u00e4tzung bis zu drei Millionen -wieder mal- traumatisierten, entwurzelten Kriegsfl\u00fcchtlingen werden die Schwierigkeiten noch gr\u00f6\u00dfer! Zumal viele eigene kulturelle und religi\u00f6se Haltungen mitbringen, die, wer wollte das leugnen, nicht ohne Weiteres in das \u00f6ffentliche Leben Deutschlands passen. M\u00e4dchen d\u00fcrfen den Schwimmunterricht nicht besuchen \u2013 aus religi\u00f6sen Gr\u00fcnden? Die Frauen von Immigranten, die ImmigrantINNEN also, werden von ihren m\u00e4nnlichen Verwandten daran gehindert, Deutsch zu lernen? Das soll Integration sein?!<\/p>\n<p>Schlimmer als \u201cunpassende\u201d kulturelle oder religi\u00f6se \u00dcberzeugungen ist aber wohl die Anomie, der Verlust an Werten \u00fcberhaupt, bis nur noch eine \u00dcberzeugung \u00fcbrig ist: ich muss h\u00e4rter sein als die Schwuchteln um mich herum. Die m\u00e4nnlichen Kinder aus Einwandererfamilien wenden sich \u00fcberproportional h\u00e4ufig kriminellen Karrieren zu. Sagt die Presse zumindest \u2013 und da haben wir gleich ein gutes Beispiel f\u00fcr \u201cWahrheit versus Wirklichkeit\u201d. Denn tats\u00e4chlich ist es egal, ob diese Behauptung zutrifft (also \u201cwahr\u201d ist) oder nicht. Sie stellt unsere gesellschaftliche Wirklichkeit her \u2013 und meine eigene auch: Ich hab in der Innenstadt ein mulmiges Gef\u00fchl, wenn mir junge M\u00e4nner eines bestimmten Aussehens und Habitus\u2019 begegnen.<\/p>\n<p>Ist diese Angst grundlos? Nein, wahrscheinlich nicht v\u00f6llig. Doch wahrscheinlich sollte ich mich dann auch vor anderen Gruppen f\u00fcrchten: Die Verwechselung von \u201cAngst machen\u201d mit \u201cRespekt verdienen\u201d findet sich ja nicht nur bei \u201cMigranten\u201d. Sie ist \u00fcberall in den \u201cbildungsfernen Schichten\u201d und eben nicht nur unter Einwanderern immer h\u00e4ufiger zu finden. Mein Verdacht: sie findet sich heute schichten\u00fcbergreifend h\u00e4ufiger als im nachtr\u00e4glich trotzdem meist verkl\u00e4rten \u201cfr\u00fcher\u201d.<\/p>\n<p>Aber wisst Ihr was? Niemand mit Verstand hat je behauptet, es sei einfach, nicht einmal Frau Dr. Merkel. Die hat wirklich nie gesagt \u201cWir schaffen das ganz easy\u201d. Ist es ja auch nicht, besonders nicht f\u00fcr die Einwanderer. Meistens haben erst die Kinder der Immigrierten \u2013 vielleicht \u2013 eine Chance auf ein \u201cgutes Leben\u201d. Das ist \u00fcberall so, ob in den USA, dem Einwanderungsland schlechthin, oder Gro\u00dfbritannien, das mit Migranten aus seinem Commonwealth sehr unterschiedliche Erfahrungen macht, aber den Zuzug nur z\u00f6gerlich einschr\u00e4nkt. Oder bei uns.<\/p>\n<p>Ich hab freilich noch nie geh\u00f6rt, dass Einwanderungswillige kommen, weil sie Spa\u00df dran h\u00e4tten. So jemand wird \u201cTourist\u201d genannt und hat auch im Herkunftsland ein gutes Leben. Ach, da h\u00e4tt\u2019 ich dochmal \u2018ne Idee: wir beuten die L\u00e4nder Afrikas ein bisschen gesitteter aus als derzeit und daf\u00fcr kommen weniger Menschen auf der Suche nach einem Ort zum \u00dcberleben zu uns. Wir sch\u00fcren die Konflikte im sog. Nahen Osten nicht in der Absicht weiter, Gas- und \u00d6lpreise zu unseren Gunsten niedrig zu halten, koste es die anderen was es wolle, und weil dann weniger Kriegsfl\u00fcchtlinge aus Syrien kommen m\u00fcssen, sparen wir ein paar Milliarden Euro ein, die wir Erdogans T\u00fcrkei zur Zeit daf\u00fcr zahlen m\u00fcssen, dass sie die Drecksarbeit mit den syrischen Kriegsfl \u2026 nein? Kein Interesse? Na, dann halt nicht. War auch nur so\u2019n Gedanke.<\/p>\n<p>Aber die Alternative, die dann zur langfristigen Aufnahme von Fl\u00fcchtlingen noch bleibt, ja, die hat diese Frau von der \u201cAlternative f\u00fcr Deutschland\u201d in w\u00fcnschenswerter Deutlichkeit formuliert: Schusswaffengebrauch an Deutschlands Grenzen. Und das (keine Diskussion mehr m\u00f6glich mit einem, der <em>das<\/em> ernsthaft bef\u00fcrwortet), das kann Deutschland nicht. Es w\u00fcrde die Deutschen \u2026 erneut \u2026 zu Unmenschen machen, zu Monstren.<\/p>\n<p>Was ein in Fl\u00fcchtlingsfragen so bewandertes Land wie Deutschland tun kann und muss, ist letztlich dies: den Migrantinnen und Migranten die reelle Chance bieten, sich einzugliedern. Und die M\u00f6glichkeiten daf\u00fcr <em>zeigen. <\/em>Immer wieder. Und weder so tun, als sei alles ganz einfach, das ist es weder f\u00fcr die \u201cAlten\u201d, noch die \u201cNeuen\u201d. (F\u00fcr die, vielleicht auch daran denken, ist es freilich viel, viel schwerer!) Noch behaupten, die Schwierigkeiten seien un\u00fcberwindlich. Die Migrationsbewegungen, die Deutschland in der Vergangenheit erlebte, waren (wahrscheinlich) kleiner als die aktuelle oder die kommenden. Aber mit ihrem jeweiligen Abflachen lie\u00df sich jedes Mal zeigen, dass \u201cDeutschland\u201d daran nicht unterging oder zerbrach.<\/p>\n<p>Es wird nicht leicht. Wann war es das je? Aber \u201cwir schaffen das\u201d. Ganz sicher. Die Frage bleibt allerdings: wie gut schaffen \u201cwir\u201c es? Und die stellt sich jedem und jeder einzelnen. Den Alten wie den Neuen im Land.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Gro\u00dfeltern m\u00fctterlicherseits kamen aus Oberschlesien nach Th\u00fcringen. Sie kamen nicht einfach, sie flohen. Im Januar 1945. Und im September 1949 flohen sie wieder. Und mit ihnen ihre Kinder \u2013 mein Onkel und meine Mutter. Diesmal so weit wie m\u00f6glich nach Westen, ins Saarland, das stand damals noch unter franz\u00f6sischer Verwaltung. 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