{"id":133,"date":"2014-09-12T23:40:32","date_gmt":"2014-09-12T21:40:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stephan-max.de\/wordpress\/?p=133"},"modified":"2017-02-16T10:18:31","modified_gmt":"2017-02-16T09:18:31","slug":"133","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stephan-max.de\/wordpress\/?p=133","title":{"rendered":"Religion ist privat!"},"content":{"rendered":"<p>Vor einiger Zeit in &#8220;meiner&#8221; Bibliothek: Ein junger Mann tritt ein und fragt, wo er den Gebetsraum findet. Wir haben keinen Gebetsraum. Er beharrt darauf, dass es in der Bibliothek einen gibt. Ich bestehe darauf, dass nicht. Er verl\u00e4sst die Bibliothek \u00e4u\u00dferst ver\u00e4rgert. Am n\u00e4chsten Tag erfahre ich von einer Kollegin, dass sich seit einiger Zeit muslimische M\u00e4nner zum gemeinsamen Beten im Treppenhaus treffen. Was ich bis dahin tats\u00e4chlich nicht wusste.<\/p>\n<p>Zwei Dinge: zum Einen wollte ich den jungen Mann weder irref\u00fchren noch beleidigen. Zum Andern war ich fast froh, dass mir das mit dem zum Gebetsraum umfunktionierten Treppenabgang tats\u00e4chlich nicht bekannt war. Denn das bringt mich jetzt in einen Konflikt zwischen diesem Wissen und meiner \u00dcberzeugung, dass Religionsaus\u00fcbung (gleich welcher Religion) nicht in einen s\u00e4kularen Raum geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Ich habe diesen inneren Konflikt bis heute nicht gel\u00f6st. Zur Zeit behelfe ich mir, indem ich gewisserma\u00dfen die Augen schlie\u00dfe, dh. solche Zusammenk\u00fcnfte ignoriere. Das ist nicht zufriedenstellend, und so verursacht mir dieser Behelf auch ein gewisses Unbehagen.<\/p>\n<p>Ist meine Haltung fehlender Respekt vor der Religion?<\/p>\n<p>I.<br \/>\nIn einer Kirche ziehe ich den Hut ab, in einer Synagoge die Kippa auf, in einer Moschee die Schuhe aus. In keinem der drei Gottesh\u00e4user renne ich umher, blitze beim Fotografieren, rede oder lache laut. Ich besuche alle diese Gottesh\u00e4user voll Interesse und Respekt &#8211; und au\u00dferhalb der Gottesdienstzeiten. Was ich im Gegenzug erwarte ist, dass mir als Nichtgl\u00e4ubigem (man ist ja immer in viel mehr Religionen Nichtgl\u00e4ubiger als Gl\u00e4ubiger) ebenfalls Respekt gezollt wird. Dazu geh\u00f6rt, dass \u00f6ffentliche Geb\u00e4ude nicht ohne Absprache mit dem Eigent\u00fcmer zu religi\u00f6sen Zusammenk\u00fcnften genutzt werden. Das hat keineswegs mit Feindseligkeit einer Religion gegen\u00fcber zu tun. Sondern mit getrennten Sph\u00e4ren und damit, dass nur diese Trennung uns vor vorreformatorischen Zust\u00e4nden bewahrt.<\/p>\n<p>Glaubt mir, liebe Gl\u00e4ubige: ich werde mich jederzeit daf\u00fcr einsetzen, dass Ihr Eure Religionen aus\u00fcben d\u00fcrft, in Euren Kirchen, Moscheen, Synagogen, Tempeln. Aber kein Mensch hat das Recht, seine Religion \u00fcber eine andere zu stellen. (Auch dann nicht, wenn sie es verlangt!) Und jeder Mensch hat das Recht, ohne Religion zu leben. Es ist ein sehr wertvolles Recht, das zu erk\u00e4mpfen viele Menschen vieles erleiden mussten. Ich m\u00f6chte es nicht wieder hergeben. Und Ihr, liebe Gl\u00e4ubige jedweder Religion, Ihr ebenso wenig, wenn Ihr einen Moment dar\u00fcber nachdenkt, denn es sch\u00fctzt Euch vor den Eiferern anderer Religionen. Das hei\u00dft: \u00f6ffentliche Orte, also auch Bibliotheken, sind keine Pl\u00e4tze f\u00fcr religi\u00f6se Rituale. (Jaja, der Religionsunterricht&#8230; warum das etwas anderes ist, und warum ich das eigentlich auch nicht f\u00fcr richtig halte, w\u00fcrde definitiv zu weit f\u00fchren.)<\/p>\n<p>Wie lang ist das mit der Reformation her? Vierhundertf\u00fcnfzig Jahre? In etwa einem halben Jahrtausend haben wir in Europa gelernt, dass man Gott auf mehr als eine Art verherrlichen kann. Oder es ganz sein lassen. Und immer wenn wir das vergessen haben, haben wir blutig bezahlt daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Anders gesagt: in Europa hat sich sehr langsam, und immer noch unvollst\u00e4ndig, etwas wie ein kulturelles Wissen dar\u00fcber gebildet, dass Religion Privatsache sein sollte.<\/p>\n<p>Okay, das mit dem Antisemitismus. H\u00e4sslich. Nein: Schlimm. Nein: mit das Schlimmste, wenn nicht das Schlimmste \u00fcberhaupt, das in Europa (tut mir leid, liebe Landsleute: vor allem in Deutschland) je entstanden ist. Und, sehr verwunderlich, er ist immer noch virulent. Was meinem Gedanken, in Europa (wenigstens hier&#8230;) sei Religion privat, scheinbar widerspricht. Nur scheinbar, denn dieser Judenhass ist ja gar nicht religi\u00f6s begr\u00fcndet&#8230; er ist Aggressionsbed\u00fcrfnis, das eine kollektive Form gesucht hat und gefunden.<\/p>\n<p>Trotzdem: derzeit machen die Europ\u00e4er im Wesentlichen andere Fehler als religi\u00f6se. Das hei\u00dft, sie begr\u00fcnden ihre Fehler nicht mehr mit Religion. Wir haben uns hier im Wesentlichen darauf geeinigt, dass Religion Privatsache ist. Und das ist ein gigantischer Fortschritt. Es gibt Ausnahmen: das Konkordat der kath. Kirche mit der Bundesrepublik, die entsprechenden Staatsvertr\u00e4ge anderer Kirchen und religi\u00f6ser Gemeinschaften.<\/p>\n<p>Aber ob Sie einen einzigen Gott anbeten und welchen, ob Sie vielleicht an mehrere glauben oder an gar keinen: geht den Staat nur in Bezug auf Ihre Kirchensteuer etwas an, und die Gesellschaft gar nichts. Ich darf glauben, dazu geweihte M\u00e4nner verwandelten Wein in das Blut eines vor ca. 2000 Jahren von italienischen Besatzungstruppen hingerichteten Palestinensers j\u00fcdischer Herkunft. Ich darf glauben, dass mein Tod nicht mein Ende ist. Ich darf mich auch zu dem Glauben bekennen, dass der wichtigste Prophet Gottes Mohammed hei\u00dft. Oder jenem, dass der Messias noch gar nicht da war und alles gut wird, wenn er erst mal kommt.<\/p>\n<p>Ich bin aber auch frei, das alles nicht zu glauben. Und dar\u00fcber vielleicht sogar traurig zu sein&#8230;<\/p>\n<p>II.<br \/>\nAber Glaube oder nicht, diese Glaubenssysteme haben auch etwas Erstaunliches erschaffen: Moral. Moral ist doch gut, oder? Na ja. Problematisch wird&#8217;s hierzulande sp\u00e4testens, wo das, was die jeweilige religi\u00f6se Moral fordert, in Widerspruch zu jenen Regeln ger\u00e4t, die von unserer Gesellschaft aufgestellt werden. Dann ist abzuw\u00e4gen, ob der\/die Gl\u00e4ubige mit seinem religi\u00f6s motivierten Verhalten andere unzumutbar bel\u00e4stigt, oder ob die freie Gesellschaft bestimmte religi\u00f6s motivierte Verhaltensweisen im Namen eben dieser Freiheit hinnehmen muss. Das klingt so abstrakt? Ja.<\/p>\n<p>Das \u00fcbliche Beispiel aus den Talkshows ist die Frau, sei sie Muslimin oder christliche Ordensschwester, die in der \u00d6ffentlichkeit ein Kopftuch tragen will. Ich pers\u00f6nlich halte das Recht eines Menschen, sich zu kleiden wie er m\u00f6chte, f\u00fcr wichtiger als die in den Massenmedien diskutierten Vorbehalte gegen Kopft\u00fccher. Aber wenn eine Frau eine Burka tr\u00e4gt, habe ich doch ein Problem. Ich empfinde es als unmenschlich, sich so zu vermummen. Die Person dahinter ist in der \u00d6ffentlichkeit unsichtbar. Mir scheint darin eine Art der Ausl\u00f6schung dieses Menschen zu liegen.<\/p>\n<p>Aber vielleicht muss ich das hinnehmen, weil das Recht der Person, sich in der \u00d6ffentlichkeit vermummt zu bewegen, h\u00f6her zu bewerten ist, als meine Beklemmung? Ich wei\u00df es nicht. Ein paar Dinge m\u00fcssen wir ertragen, als Teil der Freiheit, etwas ungeregelt, also frei zu belassen.<\/p>\n<p>Doch darf es keine Frage der Religion sein, ob und wie die Gesellschaft solche Dinge regelt. Es ist nun einmal so, dass wir alle, mit den unterschiedlichsten moralischen und religi\u00f6sen Vorstellungen, denselben \u00d6ffentlichen Raum teilen. Also ben\u00f6tigen wir eine Methode, die Dinge ohne religi\u00f6se Begr\u00fcndungen zu regeln, damit sie f\u00fcr alle verbindlich werden. Etwas, das alle ungeachtet religi\u00f6ser Unterschiede gleich behandelt, das alle gleicherma\u00dfen verpflichtet und sch\u00fctzt.<\/p>\n<p>Das Recht. Das Gesetz. Und wenn das Gesetz schlecht ist, ungerecht, falsch? Dann muss es ge\u00e4ndert, verbessert oder gestrichen werden. Dabei religi\u00f6se Begr\u00fcndungen anzuf\u00fchren ist nicht statthaft. F\u00fcr sich selbst kann und darf jeder Mensch religi\u00f6s motivierte Entscheidungen treffen. Die \u00d6ffentlichkeit muss ein religionsfreier Raum sein. Und werden, wo sie es noch nicht ist.<\/p>\n<p>Gl\u00e4ubige aller Religionen, \u00fcbt Euren Glauben aus; nehmt ihn ernst (sonst solltet Ihr es eh lassen, alle G\u00f6tter speien die Lauen aus ihrem Munde, nicht nur der christliche). Wenn Euer Gott aber Dinge verlangt, die gegen das Gesetz versto\u00dfen, folgt ihm nicht und unterlasst sie. Unterlasst sie vielleicht bereits, wenn sie anst\u00f6\u00dfig auf andere wirken k\u00f6nnten, die nicht Eures Glaubens sind. Gebt der Zivilgesellschaft, was der Zivilgesellschaft ist, dann gibt sie Euch, hoffentlich, zur\u00fcck: Schutz und Freiheit. Habt keine Angst, Eure G\u00f6tter w\u00fcrden Euch daf\u00fcr strafen. Wenn, dann w\u00fcrden sie uns andere strafen, oder nicht?<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Eurer Hilfe bed\u00fcrften sie dazu gewiss nicht. Es sei denn, sie existierten nur in Eurer Vorstellung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einiger Zeit in &#8220;meiner&#8221; Bibliothek: Ein junger Mann tritt ein und fragt, wo er den Gebetsraum findet. Wir haben keinen Gebetsraum. Er beharrt darauf, dass es in der Bibliothek einen gibt. Ich bestehe darauf, dass nicht. Er verl\u00e4sst die Bibliothek \u00e4u\u00dferst ver\u00e4rgert. 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